In vielen Gesprächen kursiert noch immer eine Vorstellung: Spyware sei etwas für autoritäre Regierungen, eingesetzt gegen Dissidenten in fernen Ländern. Die Dokumentation Surveilled, produziert von Ronan Farrow und im November 2024 auf HBO ausgestrahlt, zerlegt diese beruhigende Illusion in neunzig Minuten. Sie tut es mit Daten, Zeugenaussagen und einer unbequemen Wahrheit: Der globale Markt für kommerzielle Überwachung ist ausgereift, profitabel und kennt weder geografische noch politische Grenzen.


Copertina del documentario Surveilled di Ronan Farrow
Copertina del documentario Surveilled di Ronan Farrow

Worum es in Surveilled geht

Surveilled ist eine investigative Dokumentation, produziert von Ronan Farrow – dem Journalisten des New Yorker, der den Fall Harvey Weinstein ans Licht brachte – und inszeniert von Perri Peltz und Matthew O’Neill. Im Mittelpunkt steht Pegasus, die von der israelischen Firma NSO Group entwickelte Überwachungssoftware, die ein Smartphone infizieren kann, ohne dass das Opfer irgendeine Handlung vornimmt: kein Link zum Anklicken, keine Datei zum Öffnen. Es genügt, eine Nachricht zu empfangen. Einmal installiert, kann Pegasus Mikrofon und Kamera aktivieren, jede Nachricht mitlesen (auch verschlüsselte), den Standort in Echtzeit verfolgen und den gesamten Inhalt des Geräts abgreifen. Und all das unsichtbar, ohne offensichtliche Spuren zu hinterlassen.

Farrow arbeitet nicht nur als Journalist: Er ist auch eines der Opfer. Die Dokumentation zeigt, dass seine eigenen Geräte während der Recherchen zum Fall Weinstein ins Visier von Pegasus-Betreibern gerieten. Dieses autobiografische Detail verwandelt den Film von einer nüchternen Reportage in eine Erzählung aus der Ich-Perspektive, mit einer Spannung, die man in Dokumentationen über technische Themen selten findet.


Der Markt, der nicht existieren dürfte

Was Surveilled am besten gelingt, ist zu zeigen, wie die Industrie funktioniert, nicht nur das Produkt. NSO Group verkauft Pegasus nicht frei: Das Unternehmen erklärt, Lizenzen ausschließlich an Regierungen zu vergeben und nur zur Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus. Doch die Dokumentation schildert die Fälle in Katalonien, wo Hunderte katalanischer Unabhängigkeitsbefürworter – darunter gewählte Politiker – im Auftrag spanischer Behörden mit Pegasus überwacht wurden. Keine Dissidenten in einem Regime. Oppositionspolitiker in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union.

Da ist auch der Fall von Jamal Khashoggi, dem saudischen Journalisten, der 2018 im Konsulat von Istanbul ermordet wurde: Die Ermittlungen ergaben, dass seine Mitarbeiter vor dem Mord mit Pegasus infiziert worden waren, wahrscheinlich um den Anschlag zu planen. NSO Group hat eine direkte Verantwortung stets bestritten. Die Dokumentation überlässt es dem Zuschauer, zu beurteilen, wie glaubwürdig diese Dementis sind.

Die systemische Lehre lautet: Ist einmal ein Werkzeug zur totalen Überwachung geschaffen, wird die Kontrolle darüber, wer es benutzt – und wie –, nahezu unmöglich. Lizenzen werden weitergegeben, Regierungen wechseln, Verträge laufen weiter.


Der Bezug zur Realität in Italien

Die Geschichte von Pegasus ist von Italien nicht weit entfernt. 2022 leitete das Europäische Parlament eine Untersuchung zum Einsatz kommerzieller Spyware in den Mitgliedstaaten ein und dokumentierte Fälle in Ungarn, Polen, Griechenland und Spanien. In Italien wurde das Thema fortschrittlicher Abhörwerkzeuge mehrfach im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Mafia und Terrorismus aufgeworfen – oft mit wenig Transparenz darüber, welche Technologien tatsächlich zum Einsatz kommen und mit welchen Garantien.

Doch der wichtigste Punkt, den Surveilled herausarbeitet, betrifft nicht die Regierungen: Er betrifft den Sekundärmarkt. Pegasus ist die bekannteste, aber nicht die einzige. Paragon, Candiru, FinFisher: Der Markt für kommerzielle Spyware umfasst Dutzende Unternehmen, viele davon europäisch, die weniger mächtige (aber deshalb nicht harmlose) Versionen auch an private Akteure verkaufen. Wenn es um die Sicherheit des eigenen Smartphones geht, ist das die konkrete Bedrohung – nicht nur Hobby-Hacker, sondern professionelle Werkzeuge, die eigens dafür entwickelt wurden, unsichtbar zu bleiben.


Was du konkret tun kannst

Surveilled ist kein technisches Handbuch, aber die praktischen Konsequenzen sind eindeutig. Einige Maßnahmen verringern die Angriffsfläche erheblich:

Halte das Betriebssystem stets aktuell, sowohl iOS als auch Android: Viele Pegasus-Exploits nutzen bereits bekannte und in späteren Versionen gepatchte Schwachstellen aus. Ein nicht aktualisiertes Gerät ist eine offene Tür. Verwende ein datenschutzorientiertes Betriebssystem wie GrapheneOS – das wir in Artikel 8 analysiert haben –, denn es reduziert die verfügbaren Angriffsvektoren für jede Spyware drastisch. Verlass dich nicht auf die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als einzigen Schutz: Ist das Gerät kompromittiert, liest die Spyware die Nachrichten, bevor sie verschlüsselt werden, und macht Signal oder jede andere App wirkungslos. Und schließlich: Starte das Telefon regelmäßig neu. Einige Pegasus-Varianten überleben einen Neustart nicht. Das ist keine endgültige Lösung, aber es verkleinert das Zeitfenster der Verwundbarkeit.


Fazit

Surveilled gehört zu den Dokumentationen, nach denen man das Telefon auf dem Tisch mit anderen Augen betrachtet. Nicht aus Paranoia, sondern aus Bewusstsein: Die beschriebenen Werkzeuge existieren, sie funktionieren, und die Zugangsschwelle sinkt Jahr für Jahr. Ronan Farrow bietet keine einfachen Lösungen an, weil es sie nicht gibt – aber er zeigt, dass das Ignorieren des Problems es nicht weniger real macht. Die Dokumentation ist auf Max (HBO) verfügbar. Sie ist neunzig Minuten deiner Zeit wert.


Quellen: